Haut & Häutung – Idee und Konzept

Die Haut als größtes Organ des Menschen und des Tieres. Die Haut als Schutz, als Abgrenzung von Innen und Außen. Die Haut mit deren Hilfe wir fühlen: Schmerz, Berührung, Temperatur. Die Haut als erogene Zone, als Ausdruck unserer Gefühle.

Die Haut, auf der die Spuren des Lebens zu sehen sind.

Improvisationsansatz durch den Choreographen:

„Fühle deine Haut. Bewege dich ohne Haut.“

Das Tier, welches sich der Mensch zum Untertan macht. Die Haut der Tiere, die der Mensch für sich verarbeitet. Die Tierhaut, die der Mensch zum Schutz und Schmuck seiner eigenen benutzt.

„Kann aus jeder Haut Leder hergestellt  werden?“

Mit dem Wissen um die Geschichte wächst das Unbehagen. Die Performance beginnt. Die Wesen, die ihrem Abgrund entgegengehen, werden akustisch begleitet von der Originalaufnahme der letzten Stunde der Bewohner des Dorfes Jonestown. Die Mitglieder begaben sich unter ihrem Sektenführer Jim Jones gänzlich in den Tod begab. Ein letztes Aufbegehren, dann die Flucht, der Versuch ein Versteck zu finden, mit der Erkenntnis, dass es in der Suche des Lebenden kein Versteck gibt, welches vor dem Endlichen retten kann.

Die Kinder übernehmen den Part der Verarbeitung, sie nehmen die Tänzer in die Mangel und produzieren aus der alten Haut eine neue. Das Bild wird von Livemusik und Film begleitet. Am Ende wird die Haut zur zweiten. Bewegungen ohne Haut der Tänzer. Im Endbild wird sich geschmückt, wird geboren, gelebt, sich auf den Tod vorbereitet. Individuelle Momente im Umgang mit der eigenen und fremden Haut, auf dem Weg.

„Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher. Frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich in den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig.

Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er sich seines Menschentums vor den Tieren brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt – denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und er will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen: das kommt daher, daß ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte, – da vergaß es aber auch schon wieder diese Antwort und schwieg: so daß der Mensch sich von Neuem wundert.“

Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. 1874.

Das Projekt

Unter dem Titel „Haut & Häutung, dem Dach der TanzTheater  Performance entstand ein interdisziplinäres Projekt unter Einbezug von Industrie, Geschichte, Kunst, Sprache, Kostümen und Medien. Ein Netzwerk von 54 Menschen wurde gesponnen, alle haben ihre individuellen Erlebnisse, Eindrücke, Erfahrungen, Ideen, ihr Können und ihre Gefühle mit in die Produktion einfließen lassen.

Ort der Performance ist das Leder- und Gerbermuseum, der Ort an dem historisch und inhaltlich das Thema beleuchtet wird. Der Tanz in dem Museum, im statischen Raum ist von  fragiler Dauer, immer schon verschwunden, wenn die Bewegung vollendet ist, das Sinnbild der Vergänglichkeit an sich. Die Texte werden innerhalb der Performance von

Überlebenden als tonale Ebene, als Klangteppich eingesetzt. Die Kostüme aus Häuten und Leder, als Beiwerk und für sich stehend. Die Musik greift das Thema auf, wird von O-Tönen der Fabriken durchzogen. Film und Fotos, um aus dem Flüchtigen etwas Bleibendes für das Museum zu schaffen.

RonA Nekes, 2013